Moderne Hollywoodfilme, insbesondere die aus dem Actiongenre, neigen zu übertriebener Schärfe. Es reiht sich Szene an Szene, jede voll mit unzähligen Details und alles scheint im Fokus zu sein, fast so als wäre das Ziel gewesen, jeden einzelnen Frame als Wimmelbild ausdruckbar zu machen.
Ultra High Definition
Diese Filme sind von vorne bis hinten Effektgewitter, die sich wunderbar dafür eignen die Fähigkeiten moderner Fernsehgeräte auf beeindruckende Art und Weise zur Schau zu stellen. Wo man vor 15 Jahren noch weiche Kanten hatte ist durch Full HD und nun Ultra HD 4K alles gestochen scharf. Die Kontraste sind von 100:1 auf 1000:1, 100.000:1 oder laut manchem Hersteller sogar noch höher angestiegen und ich gebe zu, die durchschnittliche romantische Komödie reicht einfach nicht aus um die Ausstattung moderner Fernsehgeräte auch nur ansatzweise auszureizen.
Doch nach dem Durchschauen eines durchschnittlichen Superheldenfilmes bleibt am Häufigsten das Gefühl der Ermüdung. Ermüdung durch zweieinhalbstündiges Effektgewitter bei denen es so scheint, als hätte man vergessen die Kamerablende zu schließen.
Alles ist digital
Aber vielleicht liegt diese Überschärfe auch einfach an der Logistik moderner Highend-Special-Effects-Filme, wie sie heutzutage produziert werden. Die Computertechnologie ist so weit vorangeschritten, dass wir in Sachen Rendering allmählich das “Tal des Unbekannten” verlassen. Die Spezialeffekte werden immer naturalistischer und mit jedem neuen Blockbuster erweitern sich die Möglichkeiten digitale Welten zu erschaffen. Die Weiterentwicklung dieser Technologien hat nicht zuletzt in den letzten Jahren zur Renaissance der Fernsehserien geführt, die längst das Terrain der “sprechenden Köpfe” verlassen haben und immer mehr selbst in das Hoheitsgebiet der Hollywood Filme vorstoßen und ihre Welten mit digitaler Technik lebendig werden zu lassen.
Für die Erstellung dieser digitalen Welten sind noch enorme Mengen an Spezialisten notwendig. Kombiniert mit den ökonomischen Gegebenheiten der modernen Filmproduktion aus dutzenden parallel arbeitenden über den Globus verstreuten Einheiten ist es kein Wunder, dass Blockbuster häufig so aussehen, wie sie aussehen. Das sie überhaupt fertiggestellt werden ist eine beachtliche Leistung! Die Anzahl an Szenen und Einstellungen, die in einem engen Zeitrahmen fertiggestellt werden und vom Qualitätslevel her zueinander passen muss ist durchaus beachtlich!
Vielleicht fehlt es den ausführenden Teams aber auch einfach zu sehr an Kontrolle um den Film als ganzes Sehenswerter zu machen. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur zu alt. Ich kann mir diese Superheldenfilme einfach nicht mehr anschauen. Es ist für mich schon fast körperlich unangenehm! Dabei versuche ich es immer wieder und ja, es gibt durchaus sehenswerte Exemplare, die gutes Popcornkino bereithalten, während andere eher wie Stundenlange Werbesendungen für Merchandise wirken.
Nicht nur die Superheldenfilme der letzten Jahre sind davon betroffen, sondern Blockbuster im allgemeinen. Das soll nicht heißen, dass es keine guten Kinofilme mehr gibt, nur eben immer seltener klassische Hollywood-Produktionen.
Jeder Frame ein Meisterwerk
In modernen Kinofilmen ist kaum ein Einzelbild dem Zufall überlassen. In Mühevoller vorarbeit wird häufig über Jahre an Drehbuch und Storyboard gefeilt, bis jede Einstellung, jede Kamerabewegung sitzt. Bei größeren Produktionen oder aufwändigeren Szenen wird das Storyboard dann häufig noch durch eine Prävisualisierung ergänzt, die das ganze in einen räumlichen und zeitlichen Kontext bringt, damit das Filmteam viel besser abschätzen kann, welche Ausrüstung wie und wann benötigt wird. Besonders, wenn die Szene durch digitale Effekte ergänzt wird oder, wie man heute häufig sagen muss, wenn die digitalen Effekte durch echte Schauspieler ergänzt werden. Damit hier nicht unnötig Geld und Zeit verbrannt werden müssen die Filmcrews mit den Digitalcrews eng zusammenarbeiten.
Bei dieser gigantischen Vorproduktion ist es jedoch ein Wunder, dass an keiner einzigen Stelle mal irgendjemand die Frage stellt “Ist das noch Kunst oder kann das weg?” Wie kann es sein, dass trotz dieser detaillierten, ja fast schon exzessiven Vorplanung in der keine Kameraeinstellung, keine Farbe, kein Setgegenstand nicht bedacht wird, so ein visuell überbordendes, visuell ermüdendes Ergebnis herauskommt? Viel hilft viel scheint hier die Devise, doch das funktioniert nicht.
Zurückhaltung
Dabei kann das Weglassen von Bildelementen genauso zur Handlung beitragen, wie deren Abbildung. Negativraum ist ein wirksames Gestaltungsmittel. Man kann nicht oft genug auf Filme wie 2001: Space Odyssey oder Alien (den allerersten) hinweisen, in dem die Namensgebende Figur nicht nur erst ganz am Ende gezeigt wird, sondern der ganze Film sich dadurch auszeichnet, dass alles sehr, sehr langsam passiert. So langsam sogar, dass sich Ridley Scott persönlich vor dem auf Bluray veröffentlichten Directors Cut dazu äußern muss, dass der Film für heutige Sehgewohnheiten tatsächlich so langsam ist, dass es fast anstrengend ist ihn auszuhalten. Grandios ist er aber auch heute noch.
Dabei lernt man in jeder künstlerischen Ausbildung schon ganz am Anfang die Grundregeln der Komposition, die seit Jahrhunderten funktionieren. Bildaufbau der Funktioniert und Bildaufbau der nicht funktioniert. Es gibt Formeln für die Erstellung von Bildern die wir intuitiv als schön Empfinden. Ebenso gibt es Formeln die zu Bildern fqühren, die wir intuitiv als sehr unangenehm empfinden. Dabei spielt nicht nur die Einteilung von Bildern eine Rolle, sondern auch die Ausgestaltung mit Details. Was sind Primäre Elemente, welche sind Sekundär? Wie verteile ich meine Objekte auf dem Bild um Blickachsen zu Bilden und das Auge zu lenken? Wie jede andere Regel kann man auch diese jederzeit brechen. Aber bitte nicht zwei Stunden am Stück.
Das Bild entsteht im Kopf
Das mächtigste Werkzeug, welches wir besitzen um unsere Wahrnehmung zu manipulieren ist immer noch das Gehirn, nicht der Computer. Doch wenn Computer uns alles so detailliert zeigen, dass wir es wahrnehmen müssen, dann bleibt weniger Raum für Ungewissheiten, die unser Gehirn fantasievoll ausschmücken kann. Und die meisten Filme sind leider nach dem Motto “Show don’t tell” ausgeführt, wo uns noch so jedes kleine Detail mit HDRi von allen Seiten ausgeleuchtet wird. Platz zum selber denken bleibt da keiner mehr.
Dabei wäre es vielleicht sogar gut für die Filme mal ein bisschen mehr wegzulassen. Weniger dargestellte Objekte heißt weniger Zeit für deren Erstellung, weniger Renderkosten etc. Und obendrein erhält man einen wesentlich sehenswerteren Film, nach dem man viel weniger ermüdet ist, weil das Auge nicht ständig hin und her wandern muss.
Moderne Blockbuster haben eine ähnliche Wirkung auf mich wie Autofahrten bei sehr hoher Geschwindigkeit. Man muss dabei hochkonzentriert sein um so viele Reize wie möglich wahrzunehmen. Das Auge muss ständig hin und her wandern um alle Objekte im Sichtbereich wahrzunehmen. Ein Objekt zu übersehen kann fatale Folgen haben. Zwei Stunden fahrt am Stück auf diese Weise ist extrem ermüdend. Ausserdem ist man so überflutet mit Reizen, dass man zwar noch sagen kann, wo man langgefahren ist, aber kaum nennenswerte Details übrig bleiben.
KI verschlimmert diesen Zustand
KI Bild- und Videogeneratoren versprechen Kinoreife Qualität auf Knopfdruck, doch sie verstärken den Trend der Überdetaillierten Gleichförmigkeit nur noch. Viele Details gelten als Qualitätsmerkmal für KI Bilder. “Hyper Detailed” und “8k Resolution” sind Teil vieler Prompts, doch das Ergebnis ist oft austauschbarer Slop ohne eigene Geschichte. Das zeigt mir, das auch mit dem Einsatz von KI in absehbarer Zeit noch die menschliche Fähigkeit für Komposition, Pacing, und das Erzählen einer guten Geschichte nötig sein wird.