It has to be Instagrammable
Das Teilen auf Instagram als geplanter Teil einer Inszenierung bringt ein interessantes Phänomene zum Vorschein. Es geht nicht mehr nur um das Besuchen von Orten um diese zu Erleben und selbst einmal dort gewesen zu sein, sondern vor allem auch darum mit anderen zu teilen, dass man dort gewesen ist.
Show, don’t tell
“Pics or it didn’t happen”. Dieser Ausspruch hat es mittlerweile auch als fester Anglizismus in unsere Sprache geschafft und beschreibt im Kern, dass es immer weniger darum geht zu erzählen was passiert ist (dem “wie”) sondern immer mehr nur darum zu zeigen, was passiert ist (dem “was”).
Damit nehmen wir uns jedoch eine ganze, wenn nicht gar die größte Dimension des Erzählens. Denn in den meisten Fällen ist es einfach Fakt, dass die wenigsten Menschen in der Lage sind ein gutes Foto zu machen. Noch dazu mit der Art von Kamera wie sie in Smartphones zu finden ist. Diese machen zwar mittlerweile durchaus gute Fotos, erfüllen aber immer noch eher den Zweck eines Spiegels, der alles zeigt, als einer Kameralinse. Sie zeigen die “Gerümpeltotale” anstatt eine Geschichte zu erzählen.
Echte Kameras (besonders in Kombination mit richtigen Fotografen) verfügen über die Möglichkeit Linsen und Objektive zu verwenden, die uns bewusst Ausschnitte wählen lassen, die eine interessante Geschichte erzählen. Denn eine Geschichte wird genauso über das “Zeigen” wie über das “Weglassen” erzählt.
Geschichten und Erlebnisse entstehen im Zwischenraum
Durch das ständige Fotografieren, Hashtag-Suchen und Teilen der Beiträge auf den sozialen Medien sind viele Menschen so beschäftigt mit dieser Tätigkeit allein, dass ihnen die ganzen Zwischentöne entgehen, die das Erlebte wirklich interessant machen würden.
Wer immer nur von Ort zu Ort hetzt um seinem Netzwerk zu zeigen wo man überall gewesen ist kann es unmöglich schaffen, sich alles in Ruhe anzuschauen.
Zeig mir deine Ansichten und ich sag dir ob du wirklich dort gewesen bist.
Ein weiterer interessanter Punkt ist, dass der Großteil der Bevölkerung die selben Ansichten über Instagram teilt. Bei realen Orten sind das häufig die Postkartenansichten in denen oder klassische Motive, die wir schon hundertfach gesehen haben.
Bei künstlich geschaffenen Orten, häufig inszenierten Ausstellungen in Museen oder auf Messen ist es dagegen immer wieder faszinierend, wie die Szenographie es schaffen kann regelrecht Menschenmassen an bestimmte Punkte zu binden, weil sie dort die eine “einzigartige” Blickachse geschaffen haben, welche zusammen mit den gleich vom Messestand oder dem Museum mitgelieferten, korrekten Hashtags auf Instagram geteilt wird und dem Auftraggeber dadurch enormen Reichweitenzuwachs beschert.
Doch wer findet die Verstecke?
Der Geheimtip ist ausgestorben. Darüber sind wir uns in Zeiten von Instagram-Gesteuerten Reisen einig. Doch nur weil jeder alles teilt muss das noch lange nicht heißen, dass auch alles gesehen wird. Denn das ständige Starren auf einen kleinen Bildschirm schränkt die Sicht auf die einen umgebende Wirklichkeit so stark ein, dass vieles im Verborgenen bleibt. Weil wir ständig nach unten gucken nehmen wir viel weniger wahr. Und wer den Raum als Ganzes wahrgenommen hätte und sich etwas mehr Zeit genommen hätte die Inszenierung zu betrachten, anstatt sofort das erstbeste Motiv zu teilen, der hätte sicher auch noch mitbekommen, wie viel mehr es noch zu betrachten gegeben hätte, wenn man sich ein paar Gedanken gemacht hätte, was man eigentlich konkret an dem Ort sucht. Und einem währen die verborgenen Details aufgefallen, die sich nur denjenigen zeigen, die sich Zeit nehmen zu sehen.
Es ist ein Unterschied an einem Ort zu sein und einen Ort zu erleben
Diesen Unterschied gibt es schon immer, doch die Smartphones mit ihrer ständigen Verbindung zum Internet haben dazu geführt, dass wir uns immer mehr einfach nur noch an Orten befinden ohne wirklich dort zu sein. Man sitzt oder steht passiv irgendwo herum und ist nicht einfach nur wie früher mit den Gedanken ein wenig abwesend, nein, heute hat man vielmehr die Möglichkeit in sein Smartphone hineinzustarren mit dem Versuch durch es hindurch in eine andere Welt zu steigen. Den Effekt davon kann man leicht herausfinden in dem man einfach nur mal nach einem Tag, den man bewusst und ohne (bzw. mit wenig Smartphone-Gebrauch) verbracht hat am Abend seine Gedanken und Erlebnisse aufschreibt oder mit jemandem Teilt und dabei allein oder besser gemeinsam vergleicht, welchen Unterschied dies zu einem Tag macht, an dem man sehr viel sein Smartphone nutzt.
Geschichten werden weitergereicht nicht nur Bilder
Geschichten sind eines der ältesten Kulturwerkzeuge der Menschheit. Sie wurden schon geteilt lange bevor es die Schrift gab. Aus ihnen heraus hat sich die Sprache entwickelt. Etwas mit dem wir Gefühle teilen. Etwas das uns ermöglicht ein und das selbe Wort, ein und die selbe Idee in so vielen Nuancen zu teilen, dass diese ganz andere Bedeutung annehmen können. Bilder kamen irgendwann hinzu. Zuerst in Form von Höhlenmalereien und je weiter der Mensch sich entwickelte, desto weiter entwickelte sich auch die Fähigkeit zum Anfertigen von Bildern. Und Bilder haben in der Tat die Macht in sehr kurzer Zeit sehr viele Informationen mitzuteilen, doch wenn diese Bilder nicht mittels Geschichten in einen größeren Kontext eingebunden werden, dann vergessen wir diese häufig sehr schnell oder können uns nur noch vage daran erinnern, wissen aber nicht mehr zu welcher Geschichte diese gehören.
Instagram als Fast Food
Instagram funktioniert wie Fast Food für das Gehirn. Hier müssen wir uns nicht mit Inhalten auseinandersetzen, sondern können uns einen kurzen Überblick (im wahrsten Sinne des Wortes) über eine Vielzahl verschiedener Themen verschaffen. Die “Vielzahl” der verschiedenen Themen ist dabei jedoch sehr stark auf unsere Vorlieben beschränkt und jeder Instagram-Feed bildet daher mehr oder weniger genau die Vorlieben derjenigen Person ab, die sich diesen Zusammengestellt hat. Wir leben in unserer eigenen kleinen Blase
Wir leben in fragilen Zeiten. Es geht bei vielen Erlebnissen nicht mehr nur darum diese zu erleben, sondern vor allem darum, wie wir diese inszenieren können. Facebook und Instagram haben die sozialen Medien so fest in unserem Alltag verankert, dass sie immer mehr zu einer Erweiterung unseres Selbst geworden sind.
Dieser Text möchte diesen Umstand weder loben noch verurteilen, sondern vielmehr auf eine interessante Beobachtung eingehen, die von der Ausnahme immer mehr zur Regel geworden ist.
Das Selfie kennen wir mittlerweile alle. Über das Gefühl, für einen kleinen Moment zu einem Star werden zu können, die berühmten 15 Minutes of Fame, sind schon Bücher und Filme geschrieben worden. Doch Facebook und vor Allem Instagram haben das auf eine ganz neue Stufe gehoben. Denn nun muss man nicht einmal mehr etwas Leisten, dass andere Menschen für Bewundernswert halten, sondern kann einfach ein Foto von sich selbst ins Netz stellen. Auf die Qualität dieser Fotos werde ich hier nicht eingehen, doch das hat dem Siegeszug dieser Art der Selbstdarstellung keinen Abbruch getan.
Und warum auch? Denn ich selbst nutze Instagram ebenfalls täglich und schreibe auf dieser Seite hier unter meinem echten Namen Texte deren Inhalt nicht nur Freunde finden.
Doch was neu und auch immer häufiger geworden ist, ist dass man bei der Planung von neuen Projekten, vor allem wenn diese räumlicher Natur sind, wie Ausstellungen oder Szenografie, immer mehr auch den Aspekt der Instagrambarkeit mit einbezieht. Entweder, weil die Auftraggeber dies explizit wünschen oder weil es so “auf organische Art und Weise” die “Reichweite der Maßnahmen” erhöht.
Es ist faszinierend zu beobachten, wie gestaltete Räume von den Influencern, Bloggern und Touristen da draußen angenommen werden. Denn es gibt durchaus viele “kleine Szenographien”, eingerichtete Räume abseits der Museen, zB. immer mehr auch in Cafés oder dem Einzelhandel, die sich mit diesem Vororterlebnis aus besonderen Räumlichkeiten und vereinzelten Events vom Internetkomsum abheben.
Es ist eine Mischung aus beängstigend und belustigend zu beobachten, wie sich Menschen in solchen Räumen darstellen. Wie sie sich positionieren und Bewegen, wenn eine Kamera in der Nähe ist. Meistens ihre Eigene. Diese Art der Bewegung gleicht schon fast einem Tanz, der nach einer strikten Abfolge von festgelegten Posen verläuft. Posen, die keinesfalls willkürlich gewählt sind, sondern genauestens eistudiert. Für die man auf Instagram ebenfalls Anleitungen findet.
Besonders amüsant ist es immer dann eine dieser schönen Szenen zu beobachten, wenn Leute so sehr auf ihr Handy starren, dass sie vor Laternen oder geschlossene Türen laufen. Oder wenn vereinzelte Instagrammer 20 oder 30 Anläufe benötigen um ein zufriedenstellendes Foto von sich selbst zu machen. Eins, das höchstwahrscheinlich genauso aussieht, wie alle anderen Fotos auf ihren Accounts.
Dieser digitale Exhibitionismus lässt sich natürlich gut als Marketintwerkeug benutzen. Entweder, indem die gestaltete Räumlichkeit passiv im Hintergrund auftaucht oder, wenn man es richtig gemacht hat, direkt mit einem passenden, eigenständigen Hashtag verrteilt wird. Das ist eigentlich die beste Situation und der heilige Gral der instagrammbaren Szenografie.
Früher musste man für die Reichweite noch große Summen bezahlen, die man heutzutage mit diesen Mitteln fast schon gratis bekommt. Aber eben nur fast. Denn der Preis hierfür wird nicht in Euro bezahlt, sondern in Abstrichen, die man bei dem Projekt machen muss. Nicht alles wird gerne geteilt. Themen dürfen nicht zu sperrig sein und die Aussage möglichst eindeutig sein. Zu viel Ambiguität verunsichert die Menschen, denn schließlich möchte man nicht Gefahr laufen die falsche Botschaft zu senden. Am Besten eignen sich daher immer Projekte, die schick aussehen, gerne auch ein bisschen “glossy” sind. In der Realität bedeutet das häufig, dass man sich auf einen kleinsten Gemeinsamen Nenner einigen muss, auf den man die Szenografie herabsettz und sich darauf Verständigt welche Ziele die Räumlichkeit über die Grenzen von Instagram hinaus verfolgen soll.