The Behancification of Design
Das Internet ist groß und weit. Es gibt mehr Internetseiten als Menschen auf diesem Planeten und die meisten davon bleiben unentdeckt. Doch trotz dieser Größe spielt sich vieles in kleinen Blasen ab.
So ist es auch bei vielen der bekannten Portale für Design und anverwandte Themen, wo sich der Großteil des Publizierten auf einige wenige Hauptthemen zu konzentrieren scheint, die sich zyklisch wiederholen. Es ist ein Phänomen des Internets, dass wenige Nodes immer mehr Traffic auf sich konzentrieren und dadurch zu immenser Größe heranwachsen, während andere, teilweise sehr ähnliche Angebote, völlig unentdeckt bleiben.
Zwei Beispiele für die digitale Designwelt sind hier vor allem Behance und Dribbble. Beide gibt es seit geraumer Zeit und beide haben es geschafft eine sehr große Menge Gestaltende an sich zu binden. Während Dribbble eher für die Interfacedesigner relevant ist tummeln sich auf Behance Gestaltende aller erdenklicher Branchen und spätestens seit dem Kauf durch Adobe ist Behance als Platform durch die Decke gegangen. Es ist eine der ersten und größten Anlaufstellen für Menschen auf der Suche nach Gestaltung. Als durch und durch visuelles Portal wird es auch von immer mehr Menschen besucht, die nicht selbst Gestaltende sind, sondern auch von potentiellen Kunden.
Doch es fällt auf, dass Behance und Dribbble nicht nur immer mehr Gestalter auf ihren Platformen konzentrieren, sondern, dass die dort gezeigte Gestaltung immer ähnlicher zu werden scheint. So sehr sogar, dass man von einem eigenen Behance-Look und/oder Dribbble-Look sprechen kann. Die Gründe dafür sind vielfältig. Es ist nicht etwa so, dass die Plattformen dies bewusst steuern, sondern vielmehr ein passiver Prozess, der aus sich selbst heraus entsteht.
Auf beiden Portalen hat man die Möglichkeit Gestaltenden zu folgen deren Arbeit man schätzt. Als angemeldetes Mitglied gibt es vielfältige Möglichkeiten den eigenen Feed zu konfigurieren und zumindest auf Behance halten sich Werbung und sponsored Content noch einigermaßen in Grenzen.
Aber es fällt auf, dass es immer einen prägenden Stil zu geben scheint, der sich auf diesen Plattformen herausbildet. Und was es als erkennbaren Stil auf die jeweilige Plattformstartseite schafft, das darf mehr oder weniger als Trend gelten. Davon mag man halten, was man will. Fakt ist, dass man diesem Stil für die nächsten Wochen und Monate erst einmal nicht mehr ausweichen kann und dieser sich bald auch in das weitere Netz hin ausbreiten wird.
Ein faszinierender Aspekt ist dabei, dass es trotzdem noch sehr lange dauert, bis dieser Stil es auch in normale, durchschnittliche Projekte schafft, wodurch deutlich wird, dass Behance und Dribbble aus gestalterischer Sicht zwar schon sehr prominent zu sein scheinen, in der ungleich größeren Welt der Projektmanager und BWLer, die die Aufträge eben meist vergeben, allerdings nur eine Randerscheinung ist.
Außerdem stellt sich bei Behance und Dribbble oft die Frage, ob das gezeigte Projekt überhaupt ein echtes Projekt ist oder nur eine Fingerübung, die nur für Besucher dieser Platform und die Designcommunity erstellt wurde und die außerhalb keiner sieht. Klickt man sich zur Projektansicht durch wird das meist klarer, denn häufig fehlen Links zum echten Projekt und bei vielen, gerade bei Print-, Web- und Interface-Projekten sind die eigentlichen Inhalte (echte, geschriebene Texte zB.) oft sehr dünn.
Vieles hat man einfach schon zu oft gesehen. Wenn sich die Menschen aus den immer und immer gleichen Elementen bedienen und daraus immer ähnliche Entwürfe zusammenstellen ist es kein Wunder, dass die Qualität auf Dauer darunter leidet. Zumindest, wenn man etwas genauer hinsieht kann der gute Ersteindruck nicht länger standhalten. In jeden gesunden Genpool muss von Zeit zu Zeit schließlich etwas neues einfließen.
Vielen Projekten sieht man auch an, das diese in der Realität nicht funktionieren würden, da sie zu sehr auf eine Ansicht beschränkt sind oder wichtige Elemente fehlen um die man bei einem wirklichen Projekt nicht herumkommt. Das beste Beispiel sind hier die vielen wunderbaren Einzelproduktansichten für irgendwelche shopping Apps oder E-Commerce Webseiten, die einen liebevoll aufbereiteten Hero-Shot eines schicken Produktes gekonnt in Szene setzen. Doch wenn es dann zum Checkout oder um die Kundendaten-Eingabe geht werden diese nur teilweise oder gar nicht dargestellt. Lesbarkeit und Accessibility, die besonders im E-Commerce auch ökomomisch eine wichtige Rolle spiele, treten in den Hintergrund.
Ganz zu schweigen davon, dass Marken wie Nike, Apple, Tesla und BMW überproportional oft vertreten sind und viele Entwürfe ohne die Keyvisuals und Logos dieser starken Marken nicht mehr sind als ein paar bunte Boxen und Stockfotos.
Das heißt weder, dass man die Finger von diesen Plattformen lassen sollte, noch dass Gestaltende nicht auch mal große Marken für eine Fingerübung hernehmen können. Ganz im Gegenteil. Ich finde es großartig!
Mir geht es schließlich nicht anders. Immer wenn ich ein neues Werkzeug oder einen neuen Workflow ausprobiere, dann orientiere ich mich an Vorlagen, die mich ansprechen und mit denen ich dann mein eigenes Ergebnis auch vergleichen kann. Genauso, wenn ich mir neue Techniken aneigne. Schließlich möchte ich mich und meine Fähigkeiten ja auch weiterentwickeln. Die Imitation ist ein ganz normaler Lernprozess. Jemand macht etwas vor und man macht es nach. Idealerweise mit einem eigenen Twist.
Doch was bei alledem nicht vergessen werden darf ist, dass man nicht jedes nachgemachte Ergebnis sofort als eigenen, bahnbrechenden Entwurf verkaufen sollte. Das wird von erfahrenen Kunden und Gestaltenden schnell durchschaut. Man sollte daher immer darauf zu achten, seine Fingerübungen auch als solche zu kennzeichnen und die Quellen, aus denen man sich am stärksten hat inspirieren lassen auch nennt.
Dies ist nicht immer möglich, da sich vieles auch zu neuem vermischt oder bei steigender Nutzung von KI Tools die ursprüngliche Herkunft einer Idee oder eines Entwurfs nicht immer zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. Transparenz und Fairness sind aus meiner Sicht die einzigen Mittel die dabei helfen und wir Gestaltenden sollten diese beiden Regeln hoch halten, denn verglichen mit anderen Branchen ist Design immer noch eine eher kleine Community.
Auch bei der Nachahmung echter Entwürfe großer Marken sollten wir vorsichtig sein. Nur weil Apple seine neuen Macbooks mit einem bestimmten “Hintergrundbild” präsentiert heißt das noch lange nicht, dass fortan alle Geräte dieses Hintergrundbild haben müssen. Dies passiert leider sehr oft und man sollte sich fragen wieso. Man sieht in einem Spiegel immer nur das, was man davor hält. Man muss bei der Auswahl seiner Quellen daher darauf achten, dass man sich auch ein paar eigene Ideen-Orte abseits der ausgetretenen Pfade, vielleicht sogar offline, zulegt oder auch mal ein paar andere Seiten besucht als nur Behance, Dribbble und Pinterest, wenn man nach “Inspiration” für ein neues Projekt sucht.
Inspiration heißt schließlich nicht “Abschauen” und “Imitieren”. Es geht vielmehr darum neue Einflüsse aus Gebieten zu holen, die nicht direkt mit dem Medium verknüpft sind für das wir gestalten sollen und dem Artefakt an dem wir arbeiten (im Auftrag für jemand anderen) Leben einzuhauchen.
Das ist die Herausforderung die nur sehr wenige meistern. Und wer das nicht kann ist allenfalls ein guter Handwerker, der mit genauen Vorgaben sehr gute Imitate herstellen kann.
Doch auch unter den Handwerkern gibt es Meister. Und wir brauchen mehr davon, damit die Entwürfe sich nicht noch weiter aneinander angleichen.
Quellen
- Jaron Lanier - You are not a gadget (Sein Internetbuch)
- https://www.behance.net