In einer Großstadt zu leben hat seine Reize. Man kann so sein, wie man will, sie sind anonym und für die verrücktesten Ideen findet man Gleichgesinnte. Auch für Freunde der Kulinarik und des Hedonismus können große Städte Wallfahrtsorten gleichkommen. Gefühlt ist man auch näher am Puls der Zeit. Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten. Und die Hochhäuser, die in unseren Ballungszentren immer weiter emporwachsen werfen einen langen Schatten.
Immer mehr Menschen leben in Städten. Der Platzbedarf der Städte wächst schneller, als neuer Wohnraum entsteht und vielerorts sind Stadtgrenzen politisch begrenzt oder haben nicht mehr viel mit dem real existierenden Ballungsraum zu tun. Durch die wachsenden Städte wächst auch das Angebot für Menschen jeder Coleur und auch ich lebe aus genau diesem Grund in der größten Stadt in Deutschland. Es ist ein gelebter Zwiespalt, denn wie viele andere Menschen auch nutze ich keinesfalls täglich alles was diese Stadt zu bieten hat, sondern bin die meiste Zeit damit Beschäftigt zwischen Wohnung, Büro, Kita und Supermarkt hin und her zu pendeln. Oder im Transit. Und der Transit, oh der Transit, das ist eine der negativsten Facetten des Lebens in einer Großstadt. Allein die Erlebnisse im Berliner Nahverkehr sind einen eigenen Artikel wert.
Und immer wieder kommt die Frage auf: warum wohne ich eigentlich in so einer großen Stadt? Einem Ort, in dem es kaum noch natürliche sich selbst überlassene Ecken gibt. Nach sieben Jahren in Berlin hat man das Gefühl, dass hier jeder freie Zentimeter zugebaut oder mit Asphalt übergossen ist und während die Berliner Politik mit dem BER abgelenkt ist entstehen überall ungeregelt immer neue Einkaufszentren, Malls und Bürogebäude, die alle gleich aussehen. Die Grünflächen scheinen immer mehr zu verschwinden. Entweder sie werden zugebaut oder so viele Menschen strömen dorthin, dass nicht mehr viel Grün übrig bleibt.
Schaut man sich dann jedoch auf der ein oder anderen Reise andere Städte oder Städte im Ausland an, dann muss man feststellen, dass Berlin eigentlich immer noch eine sehr grüne, großflächig gebaute Stadt ist. Besonders Paris kann trotz vieler schöner Ecken, als Beispiel einer missglückten Stadtentwicklung dienen. Die reale Stadt ist dermaßen über ihre politischen Grenzen hinaus gewuchert, dass Paris und Paris nichts mehr miteinander gemein haben. Die Kernstadt ist so engmit den angrenzenden Städten und Bezirken verwoben, dass man nicht mehr sagen kann, wo Paris anfängt oder aufhört. Das Beispiel Paris hat vor allem auch historische Gründe. Wine ähnlich zentralistische Ausrichtung des Staates gibt es in Deutschland nicht, doch angesichts der heutigen Situation darf man gespannt das Projekt Grand Paris verfolgen und es wird sich zeigen, ob das Modell erfolgreich sein wird und als Vorläufer für andere zusammenwachsende Orte dienen kann.
Ich bin kein Stadtplaner und kann daher auch nicht qualifiziert bewerten, was wie und warum passiert, doch ich kann zumindest meine Beobachtungen und vielleicht auch ein persönliches Fazit notieren.
Doch was hat das Ganze mit Design zu tun?
Die Anlage einer Stadt ist eines der größten Gestaltungsprojekte, die es gibt. Eine Stadt überdauert viele Generationen und auch wenn es immer eine mehr oder weniger zentrale Steuereinheit gibt, so muss für viele Entscheidungen eine große Menge von Akteuren zusammenkommen und unter einen Hut gebracht werden. Das das nicht immer gelingt steht außer Frage und manche Städte, wie zum Beispiel auch Berlin, sind gerade deshalb für viele Menschen ein so interessanter Ort, weil sie eben für lange Zeit sehr ungeregelt waren. Vor allem aber sind Städte lebendige Orte.
Lebendige Orte kann man nicht einfach nach Lust und Laune umgestalten. Die Gestaltung muss sich den örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten anpassen.
Immer mehr Designprojekte laufen nach einem ähnlichen Muster ab. Vor allem digitale Projekte kommen dem sehr nahe. Das Internet durchdringt heute alles. Viele Plattformen selbst haben ihr Nischendasein lange hinter sich gelassen und Myriaden Services tummeln sich versteckt hinter den Benutzeroberflächen. Moderne Webseiten bestehen aus so vielen Services, dass es an ein Wunder grenzt, dass die meisten Seiten überhaupt so reibungslos laufen. Eine Seite wie diese hier kann ich vom Netz nehmen, nach Lust und Laune ändern und dann wieder online stellen ohne, dass jemand was merkt. Aber wenn Google, Amazon oder Netflix down sind, dann läuft sofort die Gerüchteküche heiß. Die Kunden erwarten die ständige Verfügbarkeit dieser Services. Always on, always live.
Living Styleguides
Lebende Styleguides und Design Systeme sind längst keine progressive Idee mehr, sondern halten in immer mehr Firmen Einzug. Sogar die Print-Produktion geht immer weiter weg vom klassischen Wasserfallmodell. Statt von Oben nach Unten in fein säuberlich aufeinander folgenden Phasen, die stumpf abgearbeitet werden passieren immer mehr Dinge parallel. Und im Digitalen sind die Projektzyklen so stark verkürzt, dass manchmal der Prototyp einfach live gestellt wird.
Die Startup Welt hat die Idee des Minimal Viable Product etabliert und nahezu der ganze Software-Bereich hat sich von der Idee, dass Software ein Fertigstellungsdatum hat, immer weiter entfernt. Software as a Service ist etabliert und es ist allzu leicht den Überblick über seine ganzen Software-Abos zu verlieren. Wie eine Stadt stellen diese Services einen Großteil der wichtigsten Funktionen des täglichen Bedarfs bereit und werden für kurze Wartungsarbeiten und Updates nur dort unterbrochen, wo es absolut notwendig ist.
Design kann auf ähnliche Weise funktionieren. Denn auch wenn im Digitalen Bereich schon viele Firmen mit diesen “Städtebaulichen” Methoden arbeiten ist in der klassichen Designentwicklung, gerade in Deutschland, nur sehr wenig davon zu spüren. Hier ist nach wie vor häufig der Wasserfall anzutreffen an dessen Fuße man steht und darauf gespannt ist, was denn nun von oben runterkommt. Das muss sich ändern, wenn wir als Wirtschaftlicher Standort auch im KI Informationszeitalter relevant bleiben wollen. Gestaltung ist dabei schon lange nicht mehr die äußere Hülle, die am Ende über etwas drüber gestülpt wird.
Das Leben in der Großstadt fordert einen auf andere Weise heraus, als das Leben auf dem Land oder das Leben in der Kleinstadt. Beides hat seine Vorzüge und für viele Menschen wäre die ideale Vorstellung “auf dem Land” zu wohnen aber trotzdem auch “in der Stadt zu leben”. Leider schließen sich beide Möglichkeiten aus. Man muss sich entscheiden. Endgültig habe ich mich aber auch noch nicht entschieden. Immer wieder hadere ich mit der Entscheidung, doch je länger ich in der Stadt wohne, desto mehr sehne ich mich wieder nach einem Leben am Stadtrand oder noch ein bisschen weiter draußen. Vielleicht auch in einer kleineren Stadt. Beruflich ist das heutzutage machbarer denn je. Die meisten der Projekte an denen ich arbeite werden ohnehin digital abgewickelt und viele Projektpartner habe ich noch nie live gesehen, denn alle Kommunikation läuft über Email und Teams. Und wenn doch hin und wieder mal ein Meeting stattfindet, dann fährt man eben dafür in die Stadt.
Aber so einfach ist die Rechnung am Ende des Tages dann leider doch nicht und für das “eben in die Stadt” fahren geht trotz schneller Züge und Flugzeuge häufig immer noch ein halber Tag drauf. An einer zufrieden stellenden Lösung muss ich also für meinen Teil also noch eine Weile herumtüfteln.
Das Schöne an der Großstadt ist, dass hier genug Menschen leben um als Designer Gleichgesinnte zu finden. In meiner Internetblase aus Designblogs und Behance habe ich zwar das Gefühl, jeder zweite Mensch auf dem Planeten wäre Designer, doch tritt man auf die Straße in einer durchschnittlichen Stadt und unterhält sich mit den Menschen, dann fällt auf, dass der überwiegende Teil von ihnen etwas ganz anderes macht und viele sich nicht einmal vorstellen können, dass Produkte oder Websites überhaupt gestaltet werden, denn schließlich werden sei “doch einfach so hergestellt.”
Und da der Mensch ein Herdentier ist, das sich am Wohlsten unter Seinesgleichen fühlt ist es angenehm in einer Großstadt zu leben, die für sehr viele Menschen eine Herde bietet.
Quellen
Buch über politische und reale Stadtgrenzen - Bücherbogen Savignyplatz