Das Land der aufgehenden Sonne (In der Literatur sind hiermit häufig Japan und China gemeint, im Sinne dieses Artikels beziehe ich mich jedoch ausschließlich auf Japan.) übt eine mächtige Faszination auf uns aus. Dies hat verschiedene Gründe. Doch ich für meinen Teil bin der Faszination für das Fremde ebenso erlegen und wie ein Süchtiger nehme dich dabei jene Teile der japanischen Ästhetik auf, von denen ich nicht genug bekommen kann. Hierbei gehe ich allerdings sehr liberal vor und beschäftige mich hauptsächlich mit dem japanischen Minimalismus und/oder der Anlage und Einrichtung von Wohnräumen und Gärten, weniger jedoch der visuellen Gestaltung von Werbegrafiken.

Disclaimer: Ich selbst war noch nie in Japan und schreibe hier aus zweiter und dritter Hand. Der Disclaimer entschuldigt keine Verallgemeinerung, doch markiert, dass ich dieses umfangreiche und vielschichtige Thema nicht in gebührender Tiefe behandeln kann.

Japan ist ein Land der Gegensätze, doch gerade diese Gegensätze sind es, die es für mich als Westeuropäer so interessant machen. Was mich am meisten inspiriert ist die japanische Denkweise und Herangehensweise in Bezug auf ästhetische und handwerkliche Qualitäten. Japanische Produkte zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie sehr gut, fast schon obsessiv perfektionistisch verarbeitet sind. In die Herstellung japanischer Produkte wird häufig sehr viel Aufwand und auch sehr viel Zeit mit Bedacht investiert. Eine Herangehensweise, die man bei uns im Westen immer seltener auffindet. Vielleicht ist dies auch der Grund dafür, dass in Japan so wenig handwerkliche Produkte aus dem Ausland importiert werden.

Was heißt eigentlich “gut verarbeitet”?

In Sanjō, einer Kleinstadt in der Präfektur Niigata, sitzen seit dem 17. Jahrhundert Schmiedebetriebe, die ursprünglich Nägel für den Wiederaufbau nach Überschwemmungen des Shinano herstellten. Heute stammen von dort die Hobeleisen und Stemmeisen von Werkstätten wie Tasai oder Funahiro — laminierte Klingen mit weichen Eisenrücken- und einer harten Kohlenstoffstahllage (hagane auf jigane), die auf 62–65 HRC gehärtet werden. Das ist härter als praktisch jedes europäische Tischlerwerkzeug, das ich in die Hand bekomme; entsprechend anders ist die Kante, entsprechend anders das Schleifritual.

Das ist, was man meinen kann, wenn man “sorgfältig gemacht” sagt: ein bestimmter Ort, ein bestimmtes Verfahren, eine bestimmte Härte. Nicht alle japanischen Produkte sind so. Ein 100-Yen-Shop in Shinjuku führt denselben Ramsch wie ein Euroshop in Neukölln. Die interessante Frage ist nicht, ob “die Japaner” besser fertigen, sondern warum in bestimmten Handwerkszweigen — Klingen, Keramik, Zimmermannswerkzeug, Handwerklichen Verfahren — Strukturen überlebt haben, die bei uns weitgehend verschwunden sind. Und wie in einem so modernen Land gleichzeitig so eine große Zahl handwerklicher Fachbetriebe und kleiner Produzenten ind der Zeit der Megafabriken noch Bestand hat.

Der Import-Reflex nach 1868 und 1945

Nach der Meiji-Restauration 1868 (Japan war zuvor über 250 Jahre lang durch die Sakoku-Politik weitgehend isoliert) und noch einmal nach 1945 stand Japan vor der Aufgabe, industrielle Verfahren aus Europa und den USA zu übernehmen. Deming lehrte ab 1950 statistische Qualitätskontrolle in Tokyo, Toyota destillierte daraus das Produktionssystem Kanban, das später als “Lean” reimportiert wurde und spätestens in der Software-Entwicklung seinen Siegeszug angetreten hat.

Die Rolle des kulturellen Verlierers, zweimal hintereinander, prägt öffentliche Selbstbeschreibungen bis heute — sichtbar zum Beispiel in der Debatte um Cool Japan seit den 2000ern, die staatlich orchestrierten Kulturexport betreibt.

Die Japanische Variante

Es gibt viele Dinge des täglichen Gebrauchs, in denen einfach nichts besser ist, als die Japanischen Versionen. Jeder der gerne und/oder viel kocht, der weiß was ich meine. Es scheint fast so, als würden die Japaner nahezu alles mit der Einstellung “less, but better” angehen. Und in der Tat, die häufig teureren japanischen Produkte kauft man seltener nach, als die Europäischen Gegenstücke.

Dies betrifft besonders Produkte, die für Präzision gedacht sind. Zwar gibt es auch in Europa viele Werkzeuge, wie Messer, Sägen, Schraubenzieher, Hammer etc. doch die japanischen Varianten haben häufig nicht nur eine höhere Präzision, die das Arbeiten erleichtert, sondern die Japaner haben scheinbar in ihren Werkzeugen die Funktionen, die bei uns ein Werkzeug übernimmt in vielen Fällen auf eine Handvoll Werkzeuge ausgelagert. So gibt es verschiedene Sägen, zum Ziehen, zum Drücken, in Beide Richtungen und mit unterschiedlichen Zugwinkeln, die bei uns allesamt unter die Bezeichnung “Bandsäge” oder einfach “japanische Säge” fallen würden.

Werkzeuge, die aufteilen, was bei uns ein Werkzeug erledigt

Am deutlichsten sehe ich das in der Werkstatt. Wo im deutschen Baumarkt eine “Feinsäge” liegt, differenziert der japanische Werkzeughandel: die ryōba mit zwei Zahnungen (grob quer, fein längs), die dōzuki mit versteiftem Rücken für Zinken, die kataba einseitig, die azebiki mit gebogener Schneide für Einstiche in der Fläche. Alle schneiden auf Zug, nicht auf Druck — deshalb kann das Blatt dünner sein (0,3 mm statt 0,6), deshalb der schmalere Schnittkanal, deshalb die höhere Präzision bei gleichem Kraftaufwand.

Ähnliches gilt für Küchenmesser aus Sakai südlich von Osaka, wo die Klingenschmiede aus der Herstellung von Tabakschneidern im 16. Jahrhundert hervorging: yanagiba für Sashimi, deba für Fisch mit Gräten, usuba für Gemüse, santoku als Allzweckklinge. Ein westlicher Kochmesser-Katalog kommt mit drei Formen aus (Was auch für die meisten Tätigkeiten durchaus ausreichend ist).

Shintō und Zen

Shintō schreibt Dingen Kami zu, also müssen Handwerker sie mit Sorgfalt herstellen, so lautet eine häufige Denkweise. Was sich belegen lässt: Der Zen-Einfluss auf ästhetische Kategorien wie wabi-sabi (Rikyū, 16. Jahrhundert, Teezeremonie) und ma (die bedeutungstragende Leere) ist in der Kunstgeschichte gut dokumentiert. Das ist etwas anderes als die Behauptung, japanische Fräser seien deshalb genauer.

Wenig Platz und kleine Häuser

Doch es gibt noch weitere Faktoren, die die japanische Gestaltungsart/Ästhetik prägen. In Japan gibt es einfach häufig wenig Platz. Wohnraum ist teuer und ein Luxus. Der Quadratmeterpreis in zentralen Bezirken Tokyos lag 2023 bei über einer Million Yen pro Tsubo (etwa 3,3 Quadratmeter). Wohnungen von 25 Quadratmetern für eine Dreiköpfige Familie sind in Setagaya oder Nakano keine Seltenheit.

Man hat hier also nicht so einfach die Möglichkeit sein großes Haus vollzurümpeln, sondern man muss sich bei dieser geringen Menge an Raum sehr genau überlegen, was man sich ins Haus holt. Eine Einstellung die man sich unabhängig von dem eigenen verfügbaren Raum gerne übernehmen könnte.

Dies führt zu einem Minimalismus, der einen ganz eigenen Charakter hat als der bei uns durch IKEA und “Schöner Wohnen” verbreitete “skandinavische Minimalismus”. Denn der japanische Minimalismus geht häufig noch weiter und reduziert die Zahl der Gegenstände um bewusst mehr Raum für Raum zu schaffen. Traditionell ist er sehr stark mit Bedeutung aufgeladen. Fast schon ritualisiert werden selten Elemente miteinander kombiniert die keine eigene Geschichte haben.

Designing Design

Kenya Hara, seit 2001 Art Director von Muji, argumentiert in White (2008) nicht, dass Weiß eine Farbe sei, sondern dass haku — leer, unbeschrieben — die Voraussetzung dafür ist, dass Bedeutung überhaupt eintreten kann. Sein Beispiel ist die Shintō-Praxis, ein leeres Stück Land mit vier Bambusstangen und einem Seil zu markieren, damit ein Gott dort einziehen kann. Das ist eine These über Design als Container, nicht über Weiß als Farbwert.

In Designing Design (2007) beschreibt er das Muji-Projekt “Horizon” — Werbebilder ohne Produkt, nur Salzsee in Bolivien, nur Steppe in der Mongolei — als Anwendung: das leere Bild als Aufforderung an den Betrachter, das eigene Verständnis von Einfachheit einzutragen.

Material zeigen statt kaschieren

Ein extremes Beispiel: In einer Kagoshima-Werkstatt wird eine Restauration mit urushi-Lack in der maki-e-Technik umgesetzt. Dabei wird Goldstaub auf feuchten Lack gestreut und in Schichten aufgebaut in einem Prozess, der sich über Wochen zieht. Der Lack verbirgt das Holz nicht, er verdichtet es. Vergleichbar in europäischer Möbelgeschichte wäre die französische ébénisterie des 18. Jahrhunderts, aber die arbeitet gerade mit Furnier als Schauseite auf billigerem Kern — Kaschierung als Prinzip.

Das ist der Kontrast, den ich meine, wenn ich von Materialität spreche.

Materialien in ihrer ursprünglichen, reinen Form. Es geht nicht darum nur Holz zu verwenden. Künstliche Materialien haben auch ihren Platz. Im Westen wird viel mit Makulatur gearbeitet, billigen Materialien, die hochwertig aussehen und/oder Materialien, die das unter ihnen liegende überdecken und verdecken sollen. In Japan dagegen, wird das Material dagegen häufig bis zum Letzten zelebriert und in all seinen Facetten ausgeschöpft, egal welches Material auch verwendet wird Die Gestaltung erhält dadurch etwas sehr pures, was dadurch noch verstärkt wird. Das ist gegenläufig zu unseren westlichen Herangehensweisen.

Weißraum

Nicht zuletzt spielt in der japanischen Ästhetik auch der Weißraum eine tragende Rolle. Dieser wird nicht als das negative Weglassen und somit als “Fehlen” oder ungenutzt betrachtet, sondern steht auf einer gleichberechtigten Stufe mit dem “Schwarzraum” (Also dem bedruckten bzw. Ausgefüllten Raum).

Ma, die Leere zwischen Elementen, ist in der japanischen Grafiktradition seit den Holzschnitten des Edo-Zeitraums als kompositorisches Element behandelt worden. Das bekannteste Beispiel ist Hokusais Große Welle mit dem enormen leeren Himmel oberhalb des Fuji. In westlicher Werbegrafik hat sich das ähnlich behandelte Prinzip erst im letzten Jahrhundert durchgesetzt (Paul Rands IBM-Arbeit, Massimo Vignellis Unimark).

Der Weißraum ist also bei uns im Westen weniger wichtig weil man hier pragmatischer und ökonomischer mit dem Platz umgeht und wird bis heute außerhalb professioneller Studios eher als verschenkter Platz gelesen. make the logo bigger

Dadurch kommt es häufig zu einer Überfrachtung der Komposition mit einer Vielzahl an Elementen, die dazu führen, das ein Produkt oder eine Information nicht mehr gut und eindeutig wahrgenommen werden kann. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die meisten Entwürfe so völlig unharmonisch werden.

Quellen

Kenya Hara — White (Lars Müller, 2008) Kenya Hara — Designing Design (Lars Müller, 2007) Kakuzō Okakura — Das Buch vom Tee (1906) The Unknown Craftsman (1972) Jun’ichirō Tanizaki — Lob des Schattens (1933)